Kategorien
Blog

Patriarchale Gewalt gemeinsam bekämpfen: Ni Una Menos, Frauenhaus und Mädchenhaus Zürich

NI UNA MENOS ZÜRICH

Patriarchale Gewalt

Wir als Ni Una Menos Kollektiv machen patriarchale Gewalt auf der Strasse sichtbar und schaffen Räume der kollektiven Wut und Trauer. Wir reagieren im Nachhinein, wenn eine von uns ermordet wurde.

Das Frauen- und Mädchenhaus Zürich arbeiten im Vorfeld. Sie bieten Schutzräume und Prävention, um patriarchale Gewalt zu verhindern. Auch wenn unsere Kämpfe an unterschiedlichen Punkten anknüpfen, gehören sie zusammen und ergänzen einander, denn so schützen wir uns kollektiv.

Am 21. August 2026 standen wir gemeinsam als Ni Una Menos auf dem Ni Una Menos-Platz mit Redebeiträgen vom Frauenhaus Zürich, Mädchenhaus Zürich und dem feministischen Streikkollekiv Thurgau.

Das Hauptrisiko für Frauen, getötet zu werden, geht von einem Menschen aus, den sie kennen: vom eigenen Mann, Partner, Ex-Partner, Bruder, Schwager oder Freund – in einer bestehenden oder aufgelösten Beziehung. Feminizide passieren nicht einfach aus heiterem Himmel. Sie haben System. Es ist ein System, das Frauen missachtet, erniedrigt, tötet. Der Nährboden dafür ist unsere patriarchale Gesellschaft und fehlende Gleichstellung.

Die Frauenhausbewegung hat Gewalt gegen Frauen zu einem gesellschaftlichen Thema gemacht und die Gründung von Frauen- und Mädchenhäusern vorangetrieben. Im Frauenhaus und im Mädchenhaus finden Frauen, Mädchen und ihre Kinder Zuflucht, Schutz, Beratung und Begleitung, Unterkunft und einen sicheren Ort.

Frauenhaus Zürich

Redebeitrag von Anja Derungs, Geschäftsführerin Frauenhaus Zürich

Was dieser Ort bedeuten kann, zeigt uns der Brief einer Klientin. Sie hat mir erlaubt, aus ihren Zeilen vorzulesen. Ich zitiere:

Die Zeit im Frauenhaus war für mich weit mehr als nur eine Unterkunft. Sie war ein Ort, an dem ich nach einer schweren Zeit wieder atmen, zur Ruhe kommen und langsam wieder zu mir selber finden konnte.

Hier lernte ich nicht nur Schutz und Sicherheit zu spüren, sondern vor allem Menschen, die mir mit echter Herzlichkeit, Verständnis und Mitgefühl begegnet sind.

(Auslassung im Originalbrief)

Und weiter:

In vielen Gesprächen, Momenten voller Zweifel und Angst, habt ihr mir zugehört, mich ernst genommen und mir das Gefühl gegeben, nicht allein zu sein.

(Auslassung im Originalbrief)

Und zum Schluss schreibt sie – ich zitiere wieder:

Ich bin unendlich dankbar für jedes Gespräch, jedes offene Ohr, jedes aufmunternde Lächeln, jeder ehrliche Ratschlag und jede Unterstützung, die ich in dieser schweren Lebensphase erfahren durfte. Durch euch habe ich langsam wieder Vertrauen gefasst, neue Stärke gefunden und begonnen, mich selbst und meine Zukunft zu glauben. Diese Zeit im Frauenhaus hat mich geprägt und mir die Kraft gegeben, meinen Weg gestärkt weiterzugehen. Danke an jede einzelne Person, die dazu beigetragen hat. Ihr habt einen Unterschied in meinem Leben gemacht.

Der Brief ist noch viel länger und er berührt mich jedes Mal wieder – vielen Dank an die Verfasserin! Und vielen Dank an alle Mitarbeitenden in den Frauen- und Mädchenhäuser für eure unverzichtbare Arbeit.

Auch allen Betroffenen und Überlebenden gebührt unser Respekt für ihren Mut, für ihren Widerstand gegen das patriarchale System. Ich habe oft erlebt, wie die Gewalt vor allem dann zunimmt, wenn die Frauen und Mädchen sich emanzipieren und selbstständiger werden. Und dennoch: «La femme libre», die freie Frau, ist unser Ziel.

Feminizide zu verhindern ist unbequem. Wenn wir sie verhindern wollen, müssen wir aus unserer Komfortzone raus, wir müssen das ganze System, in dem wir leben, in Fragen stellen.

«Das Patriarchat ist keine Religion, es ist kein Naturgesetz, es ist ein politisches System», sagt Rita Segato, eine der wichtigsten feministischen Intellektuellen Lateinamerikas.

Feminizide zu bekämpfen, bedeutet, dass manche Menschen ihre Privilegien und ihre Macht abgeben müssen. Widerspruch zu erheben, Verantwortung zu übernehmen, kostet Energie und Kraft.

Das Ausbrennen von Feministinnen und feministischen Aktivist*innen, oft als „Feminist Burnout“ bezeichnet, ist ein weit verbreitetes, strukturelles Problem. Es beschreibt die tiefe emotionale, geistige und körperliche Erschöpfung von Menschen, die sich gegen patriarchale Strukturen und für Gleichberechtigung und Gleichstellung einsetzen.

Deshalb darf der Kampf gegen Feminizide kein Kampf einzelner Frauen sein. Und deshalb sind wir hier und heute so viele.

Feminizide gehen uns alle an. Wir müssen alle gemeinsam alles daran setzen, Feminizide zu verhindern.

Der Kampf um körperliche Selbstbestimmung und auf ein Leben ohne Gewalt ist kein Wunsch, sondern ein Recht, ein Anspruch. Ein Anspruch an den Staat, seine Institutionen, die Politik, die Gesellschaft, an uns alle. Wenn wir nichts tun, machen wir uns zu Kompliz*innen.

Ni una menos. Keine mehr.

Mädchenhaus Zürich

Redebeitrag vom Mädchenhaus Zürich

Das Mädchenhaus Zürich richtet sich an Mädchen und junge Frauen zwischen 14 und 20 Jahren, die struktureller patriarchaler Gewalt ausgesetzt sind und Schutz brauchen. Nicht irgendwann. Nicht erst dann, wenn die Gewalt weiter eskaliert. Sondern jetzt.

Das Mädchenhaus Zürich bietet derzeit sieben Plätze an einem geheimen Ort. Einen Ort, an dem Mädchen Schutz vor weiterer Gewalt finden. Einen Ort für rechtliche Abklärungen, Stabilisierung und Zukunftsplanung.

Im Jahr 2025 konnten wir 37 Mädchen einen Platz anbieten. Diese Zahl zeigt, wie dringend Schutzplätze gebraucht werden. Aber es ist vor allem eine Zahl, die uns aufschreien lassen muss: 108 Mädchen und junge Frauen haben bei uns Schutz gesucht und keinen Platz gefunden. Das ist nicht hinnehmbar. Schutz vor Gewalt darf keine Frage der Kapazität sein.

Deshalb sind wir heute hier. Wir machen sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt: die Gewalt, die fehlenden Schutzplätze, die politische Verantwortung. Wir fordern mehr Prävention, mehr Schutz, mehr politische Aufmerksamkeit im Bereich häuslicher Gewalt.

Warum braucht es politische Sichtbarkeit?

  • Weil wir in der Schweiz zu wenig Schutzplätze haben
  • Weil wir oft damit ringen, wem wir den letzten Platz geben
  • Weil Mädchen und junge Frauen den höchsten Anteil an Opfern häuslicher Gewalt ausmachen
  • Weil das Kinderspital Zürich 2025 deutlich mehr Fälle von Kindesmisshandlung meldete
  • Weil digitale Gewalt vor allem junge Menschen betrifft
  • Weil die Anzahl der Feminizide dieses Jahr stark angestiegen ist
  • Weil der Bund 1 Milliarde Franken in die Aufrüstung steckt und 1 Million Franken für die Bekämpfung von Gewalt an Frauen aus dem Budget streicht

Wir sprechen heute über Zahlen. Aber hinter jeder Zahl steht ein Mädchen. Ein Mädchen mit Angst, mit Wünschen, mit Hoffnungen und mit dem Recht auf ein Leben ohne Gewalt.

Wir haben die Mädchen gefragt, was sie sich wünschen. Was sie erwarten. Worauf sie hoffen. Das haben sie uns gesagt:

«Ich finde es unfair, dass es zu wenig Schutzplätze für Mädchen gibt.»

«Ich wünsche mir, dass Mädchen nicht zu Spielzeugen von Männern werden und in jungen Jahren verheiratet werden.»

«Ich erwarte, dass meine Eltern freundlich sind, wenn ich verliebt bin, und mich nicht schlagen.»

«Ich erwarte, dass Kinder keine Angst vor Erwachsenen haben müssen.»

«Ich erwarte, dass Mädchen lernen, Nein zu sagen.»

Daher kommt auch unser Motto: Girls Say No.

  • Girls say no zu Gewalt.
  • Girls say no zu Rassismus.
  • Girls say no zu Diskriminierung.
  • Girls say no zu Ausgrenzung.
  • Girls say no zu einer Gesellschaft, die Mädchen nicht schützt.