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Feminizid in Bellach: Die Medien schauen auf den Täter

In den letzten Wochen waren die schweizerischen Medien gefüllt von Berichten zum Feminizid in Bellach am 8. April 2023. Ein junger Mann hat in dieser Nacht eine 17-jährige Jugendliche ermordet. Die Ermordete und der Täter kannten sich nicht. Das ist untypisch für einen Feminizid, diese passieren oft im erweiterten, familiären Umfeld.

Die Medien berichten von der Mordlust eines Täters, der sein Opfer zufällig ausgewählt habe. Durch das Beharren auf dieser Zufälligkeit werden andere Dimensionen ausser Acht gelassen. Zum Beispiel, dass der Täter ein Mann ist, die Ermordete eine Frau. Die Tat wird so als Einzelfall dargestellt, nicht im Kontext patriarchaler Gewalt, welche allgegenwärtig ist.

Ein Beispiel aus dem Landboten. Es wird berichtet, dass die Richterin des Prozesses selbst am Schluss sagt, dass die Urteilsverkündung sich viel zu lang um den Täter gedreht hat. Und gleichzeitig reproduziert der Artikel exakt diesen Punkt: Es geht um seine Psyche, seine Täuschungen, seine Therapiekosten, seinen Tattoo-Wunsch, sein Prahlen. Die ermordete Frau existiert im Text nur als sterbender Körper. Kein Satz dazu, wer sie war.

Es ist verstörend, wie die Medien detailliert beschreiben, wie der Täter die Frau umgebracht hat. Die gleichen Medien, die Feminizide nicht benennen, beschreiben explizite Gewaltszenarien. Das ist respektlos und retraumatisierend. Diese Artikel führen zu einer Normalisierung von patriarchaler Gewalt. Und reproduzieren diese, weil keine Einordnung und Kritik der Ereignisse stattfindet!

Sie machen sich zu Komplizinnen und befestigen so die mörderische patriarchale Gewalt.

Auf wessen Seite steht ihr Medien eigentlich?

Wieso übernehmt ihr keine Verantwortung?

Wo sind in diesen Artikeln die Hilfsangebote, die Telefonnummern, wo sich Betroffene melden können?

Es gibt keine Informationen dazu. Das ist für uns ein Zeichen, dass der Schutz von FLINTA-Personen nur zweitrangig ist.

All das macht uns wütend. Deshalb sind wir heute hier auf der Strasse. Solange es Feminizide gibt und die Medien, der Staat und die Politik ihrer Verantwortung nicht nachkommen, werden wir hier sein.

Wir sind laut. Wir sind unangenehm. Wir benennen, was nicht gesagt wird. Wir sind nicht nur heute hier. Wir bleiben hier, bis keine FLINTA-Person mehr Gewalt erfahren muss.

NI UNA MENOS!

Brauchst du Hilfe?

Hol dir Hilfe bei patriarchaler Gewalt! Bist du oder deine Nachbarin, Kollegin, Angehörige von patriarchaler Gewalt betroffen? Hier findest du Hilfe: https://contre-les-feminicides.ch/anlaufstellen-zuerich/.

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Feminizide Schweiz: Was Medien und Statistik verschweigen

Wie Medien über patriarchale Gewalt berichten.

Wir zählen Feminizide und benennen sie. Wir klagen das System an, das solche Gewalt ermöglicht. In der Schweiz gibt es keine offizielle Statistik zu Erfassung von Feminiziden, was unsere Zählarbeit extrem erschwert. Wir sind auf Medienberichterstattung und polizeiliche Meldungen angewiesen, die jedoch oft nicht eindeutig sind. Gleichzeitig ist die Berichterstattung fast immer rassistisch, reisserisch und verschweigt die strukturelle Dimension patriarchaler Gewalt. Ein Beispiel hierfür ist der Artikel vom 10.04.2026 im Blick: „In Au SG fand am Donnerstag ein Verbrechen statt. Vier Personen wurden teils schwer verletzt. Die Polizei verhaftete einen 51-jährigen Serben.“

Dass unter den vier Opfern drei Frauen sind, erfahren wir erst spater. Ob der Fall etwas mit geschlechtsspezifischer Gewalt zu tun hat, bleibt im Artikel vage. Handelt es sich hier um versuchte Feminizide? Die Berichterstattung bleibt unklar und effekthascherisch. Die Rede ist von „blutigen Abdrücke[n] von Hundepfoten“. Der Fokus ist auf dem „blutüberströmten“ Mann. Es kommt sein Nachbar zu Wort, der davon berichtet, dass sie „manchmal ein Bier tranken“ Über die verletzten Frauen erfahren wir fast nichts.

Dass diese drei Frauen womöglich in Lebensgefahr schweben, ist dem Blick keine Zeile wert. Stattdessen liegt der Fokus auf dem „blutüberströmten“ männlichen Nachbarn und dem Verhältnis der beiden Männer, die „manchmal ein Bier tranken“.

Wie patriarchale Strukturen ignoriert werden

Vom Fall in Au SG werden wir vermutlich, wie so oft, nichts mehr erfahren. Später wird er zwar in der offiziellen Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) des Bundesamtes für Statistik (BFS) erfasst.
Doch auch diese weist bei der Sichtbarmachung patriarchaler Gewalt erhebliche Mängel auf, wie die kürzlich veröffentlichte Statistik aus dem Jahr 2025 zeigt. Die PKS führt keine Kategorie „Feminizid“. Sie erfasst Tötungsdelikte lediglich im „häuslichen Bereich“.

Laut dem Bericht gab es im Jahr 2025 34 vollendete und 59 versuchte
Tötungsdelikte im häuslichen Bereich. Kernproblem der PKS liegt in ihrer Definition:
„Die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) definiert seit 2009 hausliche Gewalt anhand der Beziehung zwischen geschädigter und beschuldigter Person zum Zeitpunkt der Tat.“

Es wird also nur erfasst, ob Tater und Opfer in einer Partnerschaft oder Familienbeziehung standen. Das Geschlecht der Beteiligten wird in dieser spezifischen Kategorie nicht als primares Analysekriterium hervorgehoben. Die Statistik spricht immer nur von „geschädigter“ und „beschuldigter Person“. Es bleibt unklar, ob es sich dabei um Männer, Frauen oder andere Geschlechter handelt (wobei es in solchen Statistiken sowieso nur zwei Geschlechter gibt).

Zwar können wir aus der Gesamtzahl der Tötungsdelikte im häuslichen Bereich (34) und der bekannten Dynamik solcher Gewalttaten ableiten, dass ein Grossteil davon Feminizide sind, aber die Statistik selbst macht diese Zuordnung nicht. Sie erkennt die patriarchale Struktur der Gewalt nicht an, indem sie das Geschlecht der Opfer und Täter in dieser Kategorie ausblendet.

Wie von systematischer Gewalt an Frauen abgelenkt wird.

Zudem zeigt die Statistik bei Gewaltstraftaten zwar eine Gender-Kategorie, aber bei der Analyse der Täterprofile wird bewusst die Kategorie Aufenthaltsstatus (Schweiz, Wohnbevölkerung, Asyl, Übrige Ausländer) in den Vordergrund gerückt. Die Statistik interessiert sich mehr für xenophobe und rassistische Fakten (Herkunft des Täters) als dafür, die genderspezifische Gewalt genau aufzuschlüsseln und Feminizide als strukturelles Problem anzuerkennen.

Solche rassistischen Narrative werden auch von Medien bedient und verstärkt. Im Blick-Artikel wird sofort auf den Aufenthaltsstatus des mutmasslichen Taters fokussiert: Ein „51-jahriger Serbe, ohne Wohnsitz in der Schweiz“. Im Kontrast dazu werden die Opfer als „alles Schweizer“ bezeichnet. Diese Gegenüberstellung ist kein Zufall, sondern ein bewusstes Narrativ.

Die mediale Inszenierung nutzt die Daten selektiv, um eine „Wir gegen Die“-Dynamik zu erzeugen. Würde die Medienberichterstattung die strukturelle Dimension anerkennen, müsste sie fragen: Warum wurden drei Frauen schwer verletzt? Ist dies ein Fall von patriarchaler Gewalt, die in der Schweiz alltäglich ist (59 versuchte Tötungsdelikte im häuslichen Bereich laut PKS)?

Stattdessen wird der Fall individualisiert und ethnisiert. Der männliche Nachbar, der auch verletzt wurde, dient als emotionales Ankerbild, um die Aufmerksamkeit von der systematischen Gewalt gegen Frauen abzulenken. Sowohl die offizielle Statistik als auch die Medienberichterstattung verschweigen das eigentliche Problem: Dass es sich bei diesen Taten um (versuchte) Feminizide und somit um patriarchale Gewalt handelt.

Doch wir schweigen nicht!

Die Berichterstattung und die Statistiken sind selbst Ausdruck des kapitalistischen und rassistischen Patriarchats. Sie sind Teil eines Systems, das von der Kontrolle über weibliche Körper und von der Ausbeutung von Frauen lebt.

🟣Diese Gewalt hat ein System, ein System namens Patriarchat!
🟣Solange die Medien rassistisch hetzen, schweigen wir nicht.
🟣Solange die Schweizer Institutionen weiterhin Täterschutz betreiben, schweigen wir nicht.
🟣Solange patriarchale Besitzansprüche über unsere Körper gestellt werden, schweigen wir nicht.

🟣Solange es zu wenig Schutzräume für uns gibt, schweigen wir nicht.
🟣Solange Feminizide in der Statistik unter „Tötungsdelikte im häuslichen Bereich“ verschwinden, schweigen wir nicht.
🟣Solange das Ansehen von Männern über unsere Sicherheit gestellt wird, schweigen wir nicht.
🟣Solange es patriarchale Gewalt gibt, wächst der feministische Widerstand!

Darum organisieren wir unsere Wut gegen patriarchale Gewalt und nehmen uns die Strassen. Wir vernetzen uns, organisieren Kundgebungen und bringen den Kampf gegen Feminizide auf die gesellschaftliche Agenda und in die Bewegung. Wir kämpfen weiter, bis es keine Feminizide mehr gibt!
Solange das Patriarchat tötet, schweigen wir nicht!

NI UNA MENOS!
WIR WOLLEN UNS LEBEND! 

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Rückblick: Kundgebung gegen Feminizide 18. Februar 2026

Am Mittwoch waren wir auf dem Ni-Una-Menos-Platz und setzten ein Zeichen gegen Feminizide. Wir errichteten unser Widerstandsdenkmal und sangen gemeinsam das Lied “Canción Sin Miedo” von Vivir Quintana.
In den Kommentaren findet ihr Auszüge aus unserer Rede, mit der wir unserer Wut und Trauer Ausdruck gegeben haben.

Wir sind wütend, dass wir im letzten Jahr 29 Feminizide zählen mussten. Wütend, dass wir in diesem Jahr bereits wieder 4 Feminizide zählen.

Am 24. Januar tötet in Carouge (GE) ein Mann eine 52-jährige Frau in ihrer Wohnung.
In Bellinzona wurde eine 41-jährige Frau von einem 61-jährigen Mann so schwer verletzt, dass sie noch vor der Ankunft der Ambulanz starb.

In Staufen im Kanton Aargau ermordete am 6. Februar ein Mann seine Frau in ihrer gemeinsamen Wohnung. Beide waren ungefähr 70 Jahre alt. Anstatt von einem Feminizid spricht die Polizei von “einem erweiterten Suizid” und verschweigt damit den patriarchalen Machtanspruch des Mannes, der mit dieser Tat über das Leben der Frau verfügte.

Eine Woche später, am 13. Februar lesen wir in der Zeitung, dass die Polizei die Leiche einer ermordeten Frau in Gnosca TI findet, zusammen mit der Leiche eines Mannes. Auch hier wiederholt sich das patriarchale Muster: Männer töten – sei es, um das selbstbestimmte Handeln von ihren Ex-Partnerinnen zu verhindern oder sei es, um dem vermeintlichen Gesichtsverlust gemäss ihrem traditionellen Männlichkeitsverständnis zu entgehen.

Wir sind wütend auf die Täter, die meinen, über unsere Leben bestimmen zu können.
Neben der Wut erfüllt uns eine tiefe Traurigkeit. Wir trauern um die Leben aller FLINTAs, die nicht mehr unter uns sind

Diese vier Feminizide sind keine isolierten Taten. Sie sind möglich in einer Gesellschaft, in der die Leben von FLINTA systematisch für weniger wertvoll behandelt werdet. Jeder Feminizid ist ein gesamtgesellschaftliches Versagen.

So ist bekannt, dass die Hälfte der Täter bereits vorher gewalttätig sind.
Ein Drittel zeigte ein ausgeprägtes “Kontroll- und Dominanzverhalten”. Doch die Verantwortlichen der Politik, der Justiz und der Polizei schauen weg, schützen die Täter. Dafür gibt es unzählige Beispiele.

So wissen wir von einer Frau, die in Zürich von ihrem Nachbarn mehrfach bedroht wurde. Zu ihrer Sicherheit musste sie schliesslich ausziehen – und nicht der Täter.

Es fehlt an finanziellen Mitteln, am Willen und an Strategien, damit sich Frauen wie sie schnell und sicher aus ihrer angstvollen, lebensbedrohlichen Situation befreien können. Der Schutz von FLINTA hat in unserem System keine Priorität. Der Staat hat andere Prioritäten: Gelder fliessen in die Aufrüstung. Anstatt Gewalt zu verhindern, wird sie vom Staat befeuert und aktiv ausgeübt.

Trotz der Wut und Trauer, die uns manchmal lähmt, werden wir nicht schweigen. Wir wissen, wir müssen uns selbst verteidigen, indem wir uns organisieren und weiter für eine Zukunft ohne Gewalt und Unterdrückung kämpfen.

Schliess dich uns an. Komm mit uns gegen das mörderische und kriegerische Patriarchat auf die Strasse, das überall auf der Welt für Zerstörung und Leid sorgt.
Heraus zum 8. März, dem feministischen Kampftag!

Keine weniger! Wir wollen uns lebend!

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Feminizide in der Schweiz: Eifersucht oder eskalierender Streit?

Die neuste Zusatzerhebung zu Tötungsdelikten von 2019-2023 (Bundesamt für Statistik) zeigt, was wir schon lange wissen:
93 % der Opfer vollendeter Tötungsdelikte in Paarbeziehungen waren Frauen. Die Täter? Überwiegend Männer. Und fast die Hälfte der Täter war bereits vorher gewalttätig. Ebenfalls wurde bei einem Drittel der Täter von einem „ausgeprägtem Kontroll- und Dominanzverhalten“ im Vorfeld des Feminizids berichtet.
Die, in der Erhebung sogenannten, „möglichen Auslöser“ der Taten sind verharmlosend und gefährlich: Statt patriarchale Besitzansprüche und Machtverhältnisse zu benennen, werden „Eifersucht“ oder „eskalierter Streit“ genannt. Als wären Feminizide emotionale Ausrutscher, nicht politisch und gesellschaftlich produzierte Gewalt.

Die Erhebung zeigt nicht nur patriarchale Gewalt, sondern auch die Blindheit und Ignoranz des Systems: Die Daten werden ausschliesslich im binären Geschlechtersystem erhoben. Menschen, die sich nicht im binären Geschlechtersystem zuordnen, bleiben unsichtbar.

Ein Angriff auf eine ist ein Angriff auf alle.

Wir wehren uns kollektiv. Wir lassen uns nicht spalten von einem System, das auf Vereinzelung und Kontrolle angewiesen ist. Denn wer isoliert ist, ist beherrschbar. Darum organisieren wir uns solidarisch und internationalistisch.

Wir kämpfen Seite an Seite, machen Feminizide sichtbar und nehmen uns die Strasse gegen patriarchale Gewalt.

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Rückblick: ABC gegen Feminizide 2025

Inspiriert von Laura Leupi’s „Das Alphabet der sexualisierten Gewalt“ starteten wir am 31. Oktober 2025 unser ABC gegen Feminizide. 26 Tage, 26 Begriffe bis zum 25. November, dem internationalen Tag gegen patriarchale Gewalt. Vernetzung bedeutet Selbstverteidigung, deshalb organisieren mehrere feministische Kollektive das ABC gegen Feminizide gemeinsam.
Kollektiv benennen wir Strukturen, die töten und Kämpfe, die Leben schützen.

A wie autodefensa feminista

La autodefensa feminista es una respuesta colectiva y radical frente al patriarcado. Es resistencia y empoderamiento ante un sistema racista, capitalista y patriarcal que prepetúa feminicidios y violencias con la complicidad del Estado. Es una práctica política y revolucionaria que nos une, nos protege, nos da fuerza y nos enseña a reconcer, enfrentar y erradicar la violencia machista. Juntas derrumbando el patriarcado! 

B wie Berichterstattung

Feminizide werden in den Medien selten als diese benannt. Oft wird von
„Familiendramen“ oder „Liebesdramen“ berichtet. Damit wird diese Gewalt unsichtbar gemacht und in die private Sphäre gedrängt. Wir wissen aber, dass diese Gewalt nicht privat ist und Struktur hat. Zudem klagen wir die Medien für ihre oft sexistische und rassistische Berichterstattung an. Wir setzten uns ein für ein Hinschauen, Benennen und das Beenden patriarchaler Gewalt.

C wie Carearbeit

Care-Arbeit ist eine lebens- und gesellschaftserhaltende Arbeit, die sich an grundlegenden menschlichen Bedürfnissen orientiert. Sie ist zentral für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Viele FLINTAs leisten diese Care-Arbeit, die meist unter- oder gar nicht bezahlt wird. Das müssen wir als eine systematische Ausbeutung von FLINTAs und ihrer Arbeitskraft in einer kapitalistischen Logik verstehen. Deshalb fordern wir: Die Anerkennung und gerechte Entlöhnung von Care-Arbeit!

D wie Dunkelziffer

Dunkelziffer beschreibt eine Zahl, die wir nur erahnen können. Es gibt in der Schweiz keine offizielle Statistik zu Feminiziden. Auch wissen wir nicht, ob wirklich alle Fälle versuchter Feminizide, Vergewaltigungen oder häuslicher Gewalt erfasst werden. Es ist anzunehmen, dass die Dunkelziffer an geschlechtsspezifischer, patriarchaler Gewalt wohl um sehr vieles grösser ist, als es die öffentlichen Statistiken abbilden. Was nicht gezählt wird, existiert nicht. Wir fordern, dass hingeschaut wird

E wie Eisberg

Feminizide sind die sichtbare Spitze des Eisbergs der patriarchalen Gewalt. Doch was darunter liegt, bleibt meist unsichtbar. Es fängt an mit sexistischen Witzen, Sexualisierung von FLINTAs bis zu Besitzansprüchen und
Vergewaltigungen.
Jede Belästigung, jedes Wegschauen, jede verschlossene Tür, jedes «es ist Privatsache» trägt dazu bei, dass der Eisberg wächst.
Der Eisberg bricht nicht von selbst. Wir müssen ihn kollektiv zerschlagen, Schicht für Schicht.

F wie Feminizid

Die unterschiedlichen Begriffe „Femizid“ und
„Feminizid“ führen oft zu Verwirrung. „Femizid“ beschreibt die tödliche Gewalt gegen Frauen auf Grund ihres Geschlechts. Oft sind die Täter Männer aus dem nahen Umfeld der ermordeten FLINTAs. Wir nutzen in unseren Beiträgen immer den Begriff „Feminizid“. Mit dem zusätzlichen „ni“ wird die Mitverantwortlichkeit des Staates ausgedrückt, welcher aktiv an der Reproduktion patriarchaler Strukturen und Gewalt beteiligt ist. Wir können uns nicht auf Staat, Justiz und Bullen verlassen!

G wie Gewalt

Geschlechtsspezifische Gewalt bezeichnet jede Form von Gewalt, die sich gegen eine Person aufgrund ihres (zugeschriebenen) Geschlechts und/oder Geschlechtsidentität richtet. Sie umfasst psychische, sexualisierte, körperliche und ökonomische Gewalt und dient der Aufrechterhaltung patriarchaler Machtstrukturen. Besonders häufig betroffen sind FLINTA-Personen, wobei geschlechtsspezifische Gewalt in ihrer gravierendsten Form zu einem Feminizid führen kann.

H wie hässig

Wir sind hässig. Hässig auf die Gewalt, die uns im Namen des Patriarchats immer wieder Menschen nimmt. Viel zu lange wurde weibliche Wut als hysterisch oder übertrieben abgetan und nicht ernst genommen. Aber wütend sein ist ein Weg, aus der Hilflosigkeit und Gelähmtheit der Trauer hinauszufinden. In der Wut finden wir Kraft für den Widerstand, unsere Wut ist solidarisch und queerfeministisch, unsere Wut ist ein zielgerichteter Antrieb. Wir sind hässig, bis sich endlich etwas andert! 

I wie Infantizid

Infantizid ist der vorsätzliche Mord an einem Kind. Durch das patriarchale System sterben Kinder häufig anstelle von FLINTA Personen oder gemeinsam mit ihnen. Infantizide finden, wie Feminizide, oft im häuslichen Umfeld statt, wo Kinder Zeug*innen von Gewalt werden oder dieser selbst ausgesetzt sind. Diese Gewalt ist systematisch und hat ihren Ursprung in patriarchalen Strukturen wie Besitzansprüchen und Machtgefallen.

J wie Jin, Jiyan, Azadî

Die Parole „Jin, Jiyan, Azadî“ steht für „Frau, Leben, Freiheit“ und ist durch die kurdische Bewegung und die Proteste rund um die Ermordung der kurdischen Iranerin Jina Amini im September 2022 um die Welt gegangen. „Jin, Jiyan, Azadî“ steht für eine feministische und internationalistische Perspektive. Denn es ist wichtig, dass wir uns als Teil einer grossen Bewegung verstehen und unsere Kämpfe Seite an Seite führen.
Egal ob in Rojava, Palästina oder der Schweiz. Wir sind erst frei, wenn alle frei sind. 

K wie Kämpfen

Queerfeministische Kämpfe haben viele Formen.
Vom anstrengenden Alltag, in welchem wir uns nach wie vor gegen Mansplaining und Macker im Büro oder der Schule durchsetzen müssen, über die Ohrfeige im Club bei sexueller Belästigung, bis zum Kampf auf der Strasse am 8. März oder
25. November. Diese Kämpfe sind anstrengend, doch sie lohnen sich. Es geht um nichts weniger als unsere Selbstbestimmung und unsere Leben. Wir müssen erkennen, dass unser Kampf gegen das Patriarchat starker ist, wenn wir uns zusammentun. Deshalb: Kämpfe verbinden, Systeme überwinden!

L wie Leben

„Wir wollen uns lebend“ ist die Forderung, welche sich gegen die brutalste Form der patriarchalen Gewalt richtet: die Ermordung von Frauen und feminisierten Personen genannt Feminizid. Wir wollen uns lebend, ist übersetzt aus dem Spanischen: Vivas nos queremos. Wir wollen uns lebend, ist die direkte Forderung, dass die Tötung von Frauen und feminisierten Personen aufhören muss. Denn im Jahr 2025 wurden in der Schweiz nach unserem Wissensstand 28 Frauen ermordet, und jede ist eine zu viel. Wir wollen nicht, dass eine weitere Frau oder feminisierte Person sterben muss und nichts dagegen unternommen wird. WIR WOLLEN UNS LEBEND!

M wie Macht

Macht hat viele Gesichter. Oft liegt sie vermeintlich in den Händen der Stärkeren.
Sie nutzen ihre Privilegien aus, um Schwächere zu unterdrücken. Unterdrückung ist Machtmissbrauch. Patriarchale Strukturen lassen Männer meinen, die Macht über unsere Körper und unsere Leben zu haben.
Wir zeigen ihnen, dass das nicht stimmt. Wir FLINTA’s finden unsere Macht im Kollektiv.
Wir organisieren uns, verteidigen uns und schauen aufeinander. Wir sind solidarisch.
Widerstand kommt von unten. Das ist Gegenmacht.

N wie Ni Una Menos

„Ni Una Menos“ ist eine feministische Bewegung, welche 2015 in Argentinien entstand und bedeutet: „Nicht eine weniger.“ Auslöser waren die massenhaften Feminizide, die das Land erschütterten. Morde an Frauen, Mädchen und feminisierten Menschen, begangen aus sexistischen Motiven.
Wir sind Teil einer internationalistischen feministischen Bewegung gegen patriarchale Gewalt. Es ist unser kollektiver Aufschrei gegen Feminizide.
NI UNA MENOS!
VIVAS NOS QUEREMOS!

O wie Organisieren

Organisieren bedeutet für uns, Bewegung, Vernetzung und Aktivismus zusammenzubringen. Diese drei Elemente verbinden wir in unserer Praxis als Kollektiv.
Wir organisieren unsere Wut gegen patriarchale Gewalt und nehmen uns die Strassen, um mit einem Schrei gegen Feminizide das Schweigen zu brechen. Dafür vernetzen wir uns, organisieren Kundgebungen und bringen den Kampf gegen Feminizide auf die gesellschaftliche Agenda und in die Bewegung. Wir organisieren uns weiter bis zu einer feministischen Zukunft ohne Feminizide!

P wie Patriarchat

Das Patriarchat ist eine Herrschaftsform, die darauf abzielt, weibliche und genderqueere Personen zu unterdrücken und die männlichen Normen, Werte und Verhaltensmuster zu sichern. Patriarchale Strukturen sind überall in unserem System wiederzufinden und eng mit Kapitalismus und Krieg verflochten.
Patriarchale Gewalt zeigt sich vielfältig, wobei der Feminizid die extremste Gewaltform des Patriarchats darstellt. Wir fordern, die Machtstrukturen zu beseitigen. Widerstand ist international – Patriarchat tötet überall!

Q wie Queerfeministisch

Gegen Feminzide kämpfen, heisst queerfeministisch sein. Von patriarchaler Gewalt sind auch alle betroffen, die dem binären und heteronormativen Geschlechtersystem nicht entsprechen.
Queerfeminist*innen kämpfen für eine Zukunft, in der die Vielfalt von Geschlechtern und Sexualitäten sicher und selbstbestimmt gelebt werden kann. Ziel ist, dass jede*r unabhängig vom Geschlecht oder der sexuellen Orientierung frei von Gewalt und Diskriminierung leben kann.

R wie Revolution

Revolution ist radikal.
Revolution ist Umsturz und Erneuerung der bestehenden unterdrückenden Verhältnissen.
Ein Einreissen der patriarchalen und kapitalistischen Strukturen, die Ausbeutung, Rassismus und Faschismus den Weg ebnen.
Ein Kampf von unten nach oben gegen die herrschende Klasse.
Ein Kampf getragen von uns, für uns, gemeinsam. Zäme hebe, zäme stah!
Für eine feministische Revolution.
Für ein Leben in Würde, Sicherheit und Freiheit für alle – Ni Una Menos.

S wie Solidarität

Solidaritat heisst Widerstand. Sie ist eine Form des Organisierens, die darauf basiert, sich gegenseitig zu verbünden. Solidaritat ist auch aus einer intersektionalen feministischen Perspektive wichtig, denn Feminismus bezieht sich nicht nur auf eine Diskriminierungsform, sondern auf eine Überschneidung verschiedener Diskriminierungen. Deshalb ist es wichtig, dass wir FLINTA Personen uns untereinander solidarisieren, um Kraft für den gemeinsamen Kampf gegen Unterdrückung zu schöpfen.

T wie Transizid

Transizide sind Morde an trans und genderqueeren Menschen. Sie sind Ausdruck patriarchalen Hasses gegen alle, die Geschlechternormen brechen, in einem System, das Leben hierarchisiert. Diese Gewalt ist systematisch, sie tötet im Schatten und wird verschwiegen. Transizide sind der Versuch, Freiheit zu vernichten. Doch die Getöteten leben in uns weiter – in jeder Stimme, die sich erhebt, in jedem Körper, der sich weigert, still oder unterworfen zu sein.

U wie Utopie

Gewalt zu stoppen, erfordert, dass wir kollektive Strukturen aufbauen, die auf gegenseitiger Sorge, Unterstützung und Solidarität basieren. Überall kämpfen queerfeministische
Widerstandsbewegungen bereits heute dafür, dass eine herrschaftsfreie Welt keine Utopie mehr darstellen muss. Wir kampfen für Fürsorge, Zärtlichkeit, Freiheit, und für Gerechtigkeit. Schliesse dich diesem Kampf an!

V wie versuchter Feminizid

Es fehlt massiv an Ressourcen, um auf häusliche Gewalt und versuchte Feminizide zu reagieren: Es gibt zu wenig Schutzplätze, Beratungsstellen sind überlastet, viele Betroffene bleiben allein – Prävention ist kaum vorhanden. Die Schweiz verfügt über viermal weniger Schutzplätze als das von der Istanbul-Konvention empfohlene Minimum. Es ist Zeit zu handeln – gemeinsam. Zuhören.
Unterstützen. Schützen. Und konkrete Mittel einfordern, damit es nie wieder zu Feminiziden oder versuchten Feminiziden kommt. 

W wie Wut

Wut ist die Antwort auf patriarchale Gewalt. Unsere kollektive Wut kommt aus Schmerz, aus Trauer und aus Liebe zu den Ermordeten. In patriarchalen Strukturen wird weibliche und queere Wut entwertet, pathologisiert und kriminalisiert. Wut ist eine Erinnerung daran, was uns genommen wurde. Sie ist eine politische Kraft und durchbricht die Angst. Aus Wut wächst Widerstand.

X wie Xenophobie

Xenophobie oder Fremdenhass beschreibt die ablehnende Haltung gegenüber Menschen, die als «fremd» eingestuft werden. Diese Kategorisierung basiert auf rassistischen Strukturen und aussert sich unter anderem in Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt. Für betroffene FLINTAs ist das Risiko, patriarchale Gewalt zu erleben besonders hoch. Der feministische Kampf muss somit auch ein Kampf gegen Rassismus sein, denn patriarchale und rassistische Strukturen hängen stark zusammen und verstärken sich gegenseitig.

Y wie Yes means Yes

«Nur Ja heisst Ja» ist die Forderung, dass sexuelle Handlungen nur dann erlaubt sind, wenn alle beteiligten Personen ausdrücklich und frei zustimmen.
Unsicherheiten, Schweigen oder keinen Widerstand leisten sind keine Zustimmung.
Es gibt natürliche Schutzmechanismen wie eine instinktive Schockstarre, bei der die betroffene Person körperlich gelähmt ist.
Wir fordern, dass sexuelle Gewalt klar benennt, wird: Ohne ein eindeutiges «Ja,» ist es ein «Nein»

Z wie Zählen

Warum zählen wir?
Weil das Zählen immer mit einer Frage beginnt:
Wie viele Frauen bisher, und wie viele Frauen noch?
Feminizide zu zählen, ist eine Form der kollektiven Wissensproduktion.
Feminizide zu zählen, ist eine Form des gemeinsamen Erinnerns und Trauerns.
Feminizide zu zählen, ist eine Form des feministischen Widerstands.
Wir zählen, um Feminizide als systemisches Problem sichtbar zu machen und zu bekämpfen.
Wir zählen, weil es sonst niemand tut.
Wir zählen, weil unsere Leben zählen.


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Prekarisierte Betroffene von sexueller Gewalt können sich kein bisschen auf die Schweizer Justiz verlassen

In Andelfingen findet heute die Urteilsverkündung gegen ein Ehepaar statt, dass über mehrere Jahre hinweg Migrantinnen durch Au-Pair Inserate gelockt und schließlich unter schrecklichen Bedingungen eingesperrt und missbraucht hat. Der Mann war bereits 2014 wegen Gefährdung des Lebens und Nötigung zu einer 24-monatigen, bedingten Freiheitsstrafe verurteilt worden. Daraufhin hatte er eine angeordnete Sexualtherapie gemacht und ein Guthaben erhalten, welches das Rückfallrisiko als gering einschätzte. Er hatte die Frauen im Internet gelockt durch Arbeitsangebote. Eine Betroffene habe ausgesagt, dass sie sich in einer Notlage befand und dringend einen Job gebraucht hatte für ihre Aufenthaltsbewilligung. Sie unterschrieb einen Arbeitsvertrag und er hielt sie monatelang mit gefälschten Dokumenten hin. Sie wurde eingesperrt, Tag und Nacht per Kamera überwacht und musste alles tun, was von ihr verlangt wurde. Auch Gäste des Ehepaars hatte sie bewirtschaftet. Wieder einmal müssen wir sehen, dass eine Frau monatelang missbraucht und vergewaltigt wird und niemand etwas mitbekommen haben will. Was besonders schockiert, ist, dass der Mann nachdem die Betroffene geflohen war und Anzeige erstattet hatte, eine Warnung bekam, dass die Polizei ihn kontrollieren wird. Woher ist unklar. 2 Monate vergehen zwischen der Anzeige und der Hausdurchsuchung, die Polizei findet eine weitere Frau, eingesperrt in einem Käfig. Dies hätte verhindert werden können, wenn die Polizei die Aussagen der Betroffenen ernst genommen hätte. Es ist auch die Mitschuld des Schweizer Staates, dass die Notlage von Migrant*innen auf eine solche Art ausgenutzt wurde. Wenn die Ausweisung jederzeit droht, ist es nicht verwunderlich, dass Menschen sich erst spät oder vielleicht nie trauen, die Stimme zu erheben, wenn ihnen etwas derartiges angetan wird. Wahrscheinlich hat der Täter aufgrund eines allumfassenden Geständnisses keine allzu hohe Strafe zu befürchten. Der Fall zeigt deutlich, dass gerade prekarisierte Betroffene von sexueller Gewalt sich auf die Schweizer Justiz kein bisschen verlassen können. Es macht uns traurig und unsere Gedanken sind heute nicht bei dem Täter sondern bei den Betroffenen. Wir wünschen ihnen von Herzen alles Gute und wir hoffen, dass wir es gemeinsam schaffen die Welt so zu verändern, dass niemals wieder ein Mensch diese Gewalt aushalten muss.