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Feminizide Schweiz: Was Medien und Statistik verschweigen

34 Tötungsdelikte im häuslichen Bereich 2025 – doch die PKS kennt keine Kategorie «Feminizid». Warum Statistik und Medien patriarchale Gewalt unsichtbar machen.

Wie Medien über patriarchale Gewalt berichten.

Wir zählen Feminizide und benennen sie. Wir klagen das System an, das solche Gewalt ermöglicht. In der Schweiz gibt es keine offizielle Statistik zu Erfassung von Feminiziden, was unsere Zählarbeit extrem erschwert. Wir sind auf Medienberichterstattung und polizeiliche Meldungen angewiesen, die jedoch oft nicht eindeutig sind. Gleichzeitig ist die Berichterstattung fast immer rassistisch, reisserisch und verschweigt die strukturelle Dimension patriarchaler Gewalt. Ein Beispiel hierfür ist der Artikel vom 10.04.2026 im Blick: „In Au SG fand am Donnerstag ein Verbrechen statt. Vier Personen wurden teils schwer verletzt. Die Polizei verhaftete einen 51-jährigen Serben.“

Dass unter den vier Opfern drei Frauen sind, erfahren wir erst spater. Ob der Fall etwas mit geschlechtsspezifischer Gewalt zu tun hat, bleibt im Artikel vage. Handelt es sich hier um versuchte Feminizide? Die Berichterstattung bleibt unklar und effekthascherisch. Die Rede ist von „blutigen Abdrücke[n] von Hundepfoten“. Der Fokus ist auf dem „blutüberströmten“ Mann. Es kommt sein Nachbar zu Wort, der davon berichtet, dass sie „manchmal ein Bier tranken“ Über die verletzten Frauen erfahren wir fast nichts.

Dass diese drei Frauen womöglich in Lebensgefahr schweben, ist dem Blick keine Zeile wert. Stattdessen liegt der Fokus auf dem „blutüberströmten“ männlichen Nachbarn und dem Verhältnis der beiden Männer, die „manchmal ein Bier tranken“.

Wie patriarchale Strukturen ignoriert werden

Vom Fall in Au SG werden wir vermutlich, wie so oft, nichts mehr erfahren. Später wird er zwar in der offiziellen Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) des Bundesamtes für Statistik (BFS) erfasst.
Doch auch diese weist bei der Sichtbarmachung patriarchaler Gewalt erhebliche Mängel auf, wie die kürzlich veröffentlichte Statistik aus dem Jahr 2025 zeigt. Die PKS führt keine Kategorie „Feminizid“. Sie erfasst Tötungsdelikte lediglich im „häuslichen Bereich“.

Laut dem Bericht gab es im Jahr 2025 34 vollendete und 59 versuchte
Tötungsdelikte im häuslichen Bereich. Kernproblem der PKS liegt in ihrer Definition:
„Die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) definiert seit 2009 hausliche Gewalt anhand der Beziehung zwischen geschädigter und beschuldigter Person zum Zeitpunkt der Tat.“

Es wird also nur erfasst, ob Tater und Opfer in einer Partnerschaft oder Familienbeziehung standen. Das Geschlecht der Beteiligten wird in dieser spezifischen Kategorie nicht als primares Analysekriterium hervorgehoben. Die Statistik spricht immer nur von „geschädigter“ und „beschuldigter Person“. Es bleibt unklar, ob es sich dabei um Männer, Frauen oder andere Geschlechter handelt (wobei es in solchen Statistiken sowieso nur zwei Geschlechter gibt).

Zwar können wir aus der Gesamtzahl der Tötungsdelikte im häuslichen Bereich (34) und der bekannten Dynamik solcher Gewalttaten ableiten, dass ein Grossteil davon Feminizide sind, aber die Statistik selbst macht diese Zuordnung nicht. Sie erkennt die patriarchale Struktur der Gewalt nicht an, indem sie das Geschlecht der Opfer und Täter in dieser Kategorie ausblendet.

Wie von systematischer Gewalt an Frauen abgelenkt wird.

Zudem zeigt die Statistik bei Gewaltstraftaten zwar eine Gender-Kategorie, aber bei der Analyse der Täterprofile wird bewusst die Kategorie Aufenthaltsstatus (Schweiz, Wohnbevölkerung, Asyl, Übrige Ausländer) in den Vordergrund gerückt. Die Statistik interessiert sich mehr für xenophobe und rassistische Fakten (Herkunft des Täters) als dafür, die genderspezifische Gewalt genau aufzuschlüsseln und Feminizide als strukturelles Problem anzuerkennen.

Solche rassistischen Narrative werden auch von Medien bedient und verstärkt. Im Blick-Artikel wird sofort auf den Aufenthaltsstatus des mutmasslichen Taters fokussiert: Ein „51-jahriger Serbe, ohne Wohnsitz in der Schweiz“. Im Kontrast dazu werden die Opfer als „alles Schweizer“ bezeichnet. Diese Gegenüberstellung ist kein Zufall, sondern ein bewusstes Narrativ.

Die mediale Inszenierung nutzt die Daten selektiv, um eine „Wir gegen Die“-Dynamik zu erzeugen. Würde die Medienberichterstattung die strukturelle Dimension anerkennen, müsste sie fragen: Warum wurden drei Frauen schwer verletzt? Ist dies ein Fall von patriarchaler Gewalt, die in der Schweiz alltäglich ist (59 versuchte Tötungsdelikte im häuslichen Bereich laut PKS)?

Stattdessen wird der Fall individualisiert und ethnisiert. Der männliche Nachbar, der auch verletzt wurde, dient als emotionales Ankerbild, um die Aufmerksamkeit von der systematischen Gewalt gegen Frauen abzulenken. Sowohl die offizielle Statistik als auch die Medienberichterstattung verschweigen das eigentliche Problem: Dass es sich bei diesen Taten um (versuchte) Feminizide und somit um patriarchale Gewalt handelt.

Doch wir schweigen nicht!

Die Berichterstattung und die Statistiken sind selbst Ausdruck des kapitalistischen und rassistischen Patriarchats. Sie sind Teil eines Systems, das von der Kontrolle über weibliche Körper und von der Ausbeutung von Frauen lebt.

🟣Diese Gewalt hat ein System, ein System namens Patriarchat!
🟣Solange die Medien rassistisch hetzen, schweigen wir nicht.
🟣Solange die Schweizer Institutionen weiterhin Täterschutz betreiben, schweigen wir nicht.
🟣Solange patriarchale Besitzansprüche über unsere Körper gestellt werden, schweigen wir nicht.

🟣Solange es zu wenig Schutzräume für uns gibt, schweigen wir nicht.
🟣Solange Feminizide in der Statistik unter „Tötungsdelikte im häuslichen Bereich“ verschwinden, schweigen wir nicht.
🟣Solange das Ansehen von Männern über unsere Sicherheit gestellt wird, schweigen wir nicht.
🟣Solange es patriarchale Gewalt gibt, wächst der feministische Widerstand!

Darum organisieren wir unsere Wut gegen patriarchale Gewalt und nehmen uns die Strassen. Wir vernetzen uns, organisieren Kundgebungen und bringen den Kampf gegen Feminizide auf die gesellschaftliche Agenda und in die Bewegung. Wir kämpfen weiter, bis es keine Feminizide mehr gibt!
Solange das Patriarchat tötet, schweigen wir nicht!

NI UNA MENOS!
WIR WOLLEN UNS LEBEND! 

Brauchst du Hilfe?

Hol dir Hilfe bei patriarchaler Gewalt! Bist du oder deine Nachbarin, Kollegin, Angehörige von patriarchaler Gewalt betroffen? Hier findest du Hilfe: https://contre-les-feminicides.ch/anlaufstellen-zuerich/.