Wir sehen uns am 25. November um 18.30 Uhr zu unserer mittlerweile traditionellen Fackeldemo.
Der 25. November ist der Internationale Tag gegen patriarchale Gewalt. Wir nehmen uns zu diesem Anlass die Strassen, um denjenigen zu gedenken, die dies nicht mehr tun können, und um unseren gemeinsamen Willen zu bekräftigen, alle Formen geschlechtsspezifischer Gewalt zu verhindern, egal, wo sie auftritt.
Während autoritäre und faschistische Kräfte überall an Boden gewinnen, kann unsere Antwort nur eine kollektive sein. Unser Kampf ist entschieden internationalistisch, antiimperialistisch und antikolonial und steht an der Seite der unterdrückten Völker, die für ihre Befreiung kämpfen. Wir wissen: Es sind immer dieselben, die den höchsten Preis zahlen. Frauen, Kinder und queere Menschen gehören zu den ersten Opfern der Kriege, die von den imperialistischen und kolonialen Mächten geführt werden. In Palästina beispielsweise stellen sie die grosse Mehrheit der Opfer des von Israel begangenen Völkermords dar. Im Kongo und im Sudan wird sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe und Mittel der Unterdrückung gegen mehrere Hunderttausend Menschen eingesetzt. Kriege werden auf Kosten der Körper von Frauen, Kindern und queeren Menschen geführt – das ist kein Kollateralschaden, sondern das Ergebnis von Kapitalismus und Patriarchat.
Angesichts dessen organisiert sich überall Widerstand. In Rojava widersetzen sich kurdische Frauen dem türkischen Faschismus. Die Kämpferinnen der Frauenverteidigungskräfte (YPJ) haben eine entscheidende Rolle bei der militärischen Niederlage des IS gespielt. Im Iran löst der Tod von Mahsa Jina Amini eine feministische Revolution gegen das Regime aus. Der Slogan „Jin Jiyan Azadi“ steht heute für die Emanzipation der Frauen im Kampf gegen Unterdrückung. Ob in Rojava, in Palästina, im Sudan, im Kongo oder anderswo – wir lehnen die Herrschaft über TINFA*-Personen ab. Als internationalistische Feministinnen solidarisieren wir uns mit allen Völkern, die für ihre Selbstbestimmung kämpfen, denn niemand ist frei, solange nicht alle frei sind.
Wenn wir den Blickwinkel wechseln und auf die lokale Ebene zurückkehren, wird deutlich: Auch wenn sich die Rahmenbedingungen je nach Ort unterscheidet, so liegen ihnen doch die gleichen Prinzipien der Herrschaft zugrunde. Auch hier gibt es Grund zur Wut. In der Schweiz wissen wir, dass im vergangenen Jahr gemäss den verfügbaren Statistiken alle zwei Wochen eine Frau aufgrund ihres Geschlechts getötet wurde. In diesem Jahr wurden bis Ende September bereits 18 Frauen getötet. Die Zahl der Feminizide ist aber noch viel höher, denn viele bleiben unsichtbar! Der Staat und die Medien behandeln diese Morde als Einzelfälle, doch wir wissen, dass patriarchale Gewalt durch ein System und dessen Institutionen ermöglicht wird, die Gewalt gegen TINFA-Personen normalisieren!
Ausserdem sind Feminizide nur die Spitze des Eisbergs. Patriarchale Gewalt hat viele andere Gesichter, wie zum Beispiel psychische und sexualisierte Gewalt, Kriege oder auch die unterschiedlichen materiellen Lebensbedingungen zwischen cis Männern und TINFA-Personen.* Wie lässt es sich erklären, dass ein Staat mit so vielen Mitteln wie die Schweiz keine dringenden Massnahmen ergreift, um solche Gewalttaten zu verhindern? Wie ist es möglich, dass der Nationalrat im Jahr 2025 gegen eine Erhöhung des Budgets für die Prävention von geschlechtsspezifischer und sexueller Gewalt gestimmt hat? Es bedurfte einer starken Mobilisierung der Bevölkerung, damit er schliesslich einer Aufstockung um eine Million in seinem Haushalt für 2026 zustimmte. Wie lässt es sich rechtfertigen, dass die Polizei von Morges im Juli 2026 einen Mann in ihre Reihen aufgenommen hat, der unter anderem wegen häuslicher Gewalt verurteilt worden war?
Die Antwort liegt zum Teil in der Bedeutung des Begriffs „Femizid“. Ursprünglich als „Femizide“ bezeichnet, wurde die Silbe „-ni“ hinzugefügt, um deutlich zu machen, dass es sich nicht um Morde an Einzelpersonen, sondern um Massenverbrechen handelt. Die Unterdrückung und die patriarchale Herrschaft sind für den Kapitalismus unverzichtbar. Die staatlichen Institutionen schützen das kapitalistische System unter Missachtung des Lebens von Frauen und queeren Menschen.
Diese Verachtung gegenüber Frauen und queeren Menschen lässt sich auch dadurch erklären, dass Kapitalismus und Patriarchat auf Cis-Heteronormativität und insbesondere auf der Binarität von biologischem Geschlecht und sozialem Geschlecht beruhen. Diese Binarität basiert auf ideologischen (insbesondere kolonialen), rechtlichen und medizinischen Kriterien, die alle Menschen ausschliessen, die ausserhalb der binären Normen stehen. So verstümmelt beispielsweise die Medizin weiterhin intergeschlechtliche Kinder, um ihnen ein bestimmtes biologisches Geschlecht und ein bestimmtes soziales Geschlecht zuzuweisen. Wir möchten zudem daran erinnern, dass es nach wie vor keine rechtliche Anerkennung für nicht-binäre Menschen gibt. Der Staat nutzt diese Zweigeschlechtlichkeit als Instrument, um die Gesellschaft zu organisieren, die Bevölkerung zu kontrollieren und ihre Produktivität zu steigern. So ist für Trans-Personen bereits die blosse Tatsache, dass sie existieren, ein Akt des Trotzes und des Widerstands. In einem System, in dem ihr Zugang zu Rechten, medizinischer Versorgung und Wohnraum von ihrer Konformität mit cis-Normen abhängt, in dem aber gleichzeitig der Zugang zu medizinischen Massnahmen langwierig, teuer und entmündigend ist, müssen Trans-Personen ständig neue Wege finden, um überleben und ihr Geschlecht bekräftigen zu können. Doch auch hier mischt sich der Staat ein.
In Berlin hat die Polizei am 18. Oktober 2026 das queere Gemeinschaftszentrum Casa Kua durchsucht und mehrere Personen festgenommen, unter dem Vorwand, dass Östrogenhormone illegal an die trans Frauen verteilt worden seien, die sich dort versammelt hatten. Dies stellt einen schweren Angriff auf die Trans-Community dar, wenn man bedenkt, dass dieses gemeinschaftliche Gesundheitszentrum eine Notwendigkeit in einem System ist, in dem es für viele Trans-Personen nach wie vor sehr schwierig ist, sich Hormonbehandlungen verschreiben zu lassen und diese von ihrer Krankenkasse übernehmen zu lassen.
Es ist höchste Zeit, dass der Staat und seine Institutionen aufhören, den Körper von Trans-Personen kontrollieren zu wollen, und sich stattdessen dafür einsetzen, deren Lebensbedingungen zu verbessern. Wir fordern Selbstbestimmung für Trans-/nicht binäre und intergeschlechtliche Personen, einschliesslich der Kinder, deren Grundrechte nicht erst mit der Volljährigkeit beginnen.
Trotz alledem lässt sich feststellen, dass zahlreiche alternative Hilfsangebote wie das Gemeinschaftszentrum Casa Kua in Berlin entstehen. Kollektive, Sammelaktionen, Demos, Betreuungs- und Treffzentren für trans- und nicht-binäre Menschen: Die Formen autonomer Organisation sind vielfältig und zeigen uns einmal mehr, dass die Hoffnung in unseren Händen und in der kollektiven Organisation liegt. Diese autonomen Räume zeigen uns, wie viele Formen der Widerstand gegen patriarchale Gewalt kennt.
Am 25. November wollen wir unsere unterschiedlichen Formen des Widerstands gegen patriarchale Gewalt zusammenbringen. Bei einem abendlichen Fackelspaziergang bringen wir Solidarität und Widerständigkeit in die Strassen von Biel. Die diesjährige Demonstration am 25. November setzt eine lokale Tradition hier in Biel fort. Durch die Weiterführung möchten wir eine lokale queerfeministische Bewegung stärken und Betroffene von patriarchaler Gewalt zusammenbringen. Für einen Widerstand, der über diesen Tag hinweg besteht.
Die Demonstration findet TINFA*-only statt. Diese Form soll sich an alle Personen richten, die von patriarchaler Gewalt betroffen sind. Wir sehen diese Form von Veranstaltung als wirksames Mittel gegen patriarchale Gewalt, bei dem Erholung und Stärkung geschaffen werden können. Leider führen TINFA*-only-Veranstaltungen immer wieder zum Ausschluss von Menschen, die patriarchale Gewalt erleben. Niemand wird aufgrund seines Aussehens oder seiner Geschlechtsausdrucksform ausgeschlossen oder diskriminiert, und wir verpflichten uns, die notwendigen Massnahmen zu ergreifen, sollte dies dennoch geschehen. Wir möchten diese Form der Demonstration nutzen, um miteinander zu kämpfen, nicht gegeneinander! Cis Männer sind dazu aufgefordert, sich ausserhalb der Demonstration gegen patriarchale Gewalt zu engagieren. Sie haben täglich die Möglichkeit dazu.
Für die Demonstration wird keine Bewilligung beantragt. Wir wollen unsere Präsenz auf der Strasse nicht abhängig machen von der Entscheidung repressiver Institutionen. Auf die Strasse zu gehen, unsere Erfahrungen zu teilen und für unsere Sicherheit einzustehen, ist unser Recht. Wir nehmen uns das Recht auf Widerstand, um unser Leben und das aller anderen unterdrückten Menschen zu verteidigen.
Widerstand ist vielfältig. Bringen wir unsere Widerständigkeiten zusammen! Kämpfen wir im Bewusstsein, dass wir viele sind und zusammenhalten können. Lokal und global, solidarisch miteinander, auch mit jenen, die heute nicht hier sind.
TINFA* = Akronym, das trans, intergeschlechtliche, nicht-binäre Menschen, Frauen sowie Agender-Menschen umfasst, die sich ohne Geschlechtsidentität erleben.



