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Aktion

Letzter August: Der Kampf gegen patriarchale Gewalt hat keine Grenzen!

Morgen ist der 1. August, ein Datum das traditionellerweise der Normalisierung und Romantisierung von Grenzen, Abschottung und rechten Narrativen Platz bietet. Wir wollen den Nationalfeiertag nicht feiern und nehemen ihn zum Anlass, unsere Kritik und Gegenperspektiven aufzuzeigen.

Wir folgen dem Aufruf der Kampagne „letzter august“ zu Aktionstagen für Bewegungsfreiheit und eine solidarische Zukunft mit einem kleinen Zeichen.

Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) ist die nationale Koordinationsstelle für die Umsetzung der Istanbul-Konvention. Wir haben heute vor dem Gleichstellungsbüro ein Transparent aufgehängt mit der Aufschrift “Istanbul-Konvention unterschreiben – und patriarchale Patriarchale Gewalt nicht als Fluchtgrund anerkennen? Bewegungsfreiheit für alle”.  Wir sind wütend, dass die Schweiz die Istanbul-Konvention unterschreibt, der Schutz, welcher durch sie gewährt werden soll, jedoch nicht für alle gilt.

Das Ziel der Istanbul-Konvention ist es, «Frauen vor allen Formen von Gewalt zu schützen». Sie soll alle Formen der Diskriminierung beseitigen und die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern fördern (Art. 1 Bst. a und b).

Die Vertragsstaaten verpflichten sich dadurch zum Schutz der Opfer «ohne jegliche Diskriminierung» (Art. 4 Abs. 3), insbesondere aufgrund der Herkunft, der Religion, des Aufenthaltsstatus, einer Behinderung, der sexuellen Orientierung oder der Geschlechtsidentität.

In der Schweiz gilt die Istanbul-Konvention nicht “ohne jegliche Diskriminierung”.    

Eigentlich sieht die Instanbul-Konvention mehrere Verpflichtungen zum Schutz von Migrantinnen und Geflüchteten vor. Insbesondere garantiert Artikel 59 Absatz 1 unter bestimmten Voraussetzungen die Erteilung einer eigenständigen Aufenthaltsbewilligung für Opfer, deren Aufenthaltsstatus von ihrem Ehepartner oder Partner abhängt. 

Die Schweiz hat jedoch einen Vorbehalt zu dieser Bestimmung eingelegt, der vorsieht, «sie nicht oder nur in bestimmten Fällen oder unter bestimmten Bedingungen anzuwenden». Ein Vorbehalt gegen diese Bestimmung, welcher Migrant*innen schützen soll, wenn ihre Aufenthaltsbewilligung von einem gewalttätigen Partner abhängt wurde zwar 2025 aufgehoben, die Bedingungen machen es jedoch fast unmöglich Asyl zu bekommen. Denn die Person kann zwar eine Aufenthaltsbewilligung erhalten, muss jedoch nach einem Jahr nachweisen, dass sie wirtschaftlich unabhängig ist.

Zudem wird patriarchale Gewalt vom SEM in der Regel nur dann als Asylgrund anerkannt, wenn die betroffene Person im Herkunftsort bei den dortigen Behörden nach Schutz ersucht hatte und diesen von den staatlichen Institutionen wie Polizei, Gerichte oder von Schutzeinrichtungen wie einem Frauenhaus, nicht erhalten haben. 

Die Schweiz wurde im April 2025 vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt, weil sie nicht das Leben einer Frau zu geschützt hat, die von ihrem Partner gefangen gehalten, misshandelt und vergewaltigt worden war, nachdem sie ihm ihre Absicht mitgeteilt hatte, die Beziehung zu beenden.

Das ist kein Einzelfall. Wir fordern Schutz für alle und die grenzenlose Bekämpfung partriarchaler Gewalt. Für Bewegungs- und Bleibefreiheit. 

Gegen Nationalgrenzen, gegen die Festung Europas und die aktuelle GEAS-Reform und für eine Anerkennung der Mitverantwortung der Schweiz von Krieg und Zerstörung auf der ganzen Welt, welche Menschen zwingt ihre Heimat zu verlassen.

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Événement

Pride Rouge!

Am 19. Juli 2025 waren wir bei der Pride Rouge in Neuenburg. Eine beeindruckende Demonstration, die von KJ organisiert wurde und mehrere hundert Menschen zusammenbrachte.

Eine Aktivistin von Queerneuch ergriff das Wort, um über Maja zu sprechen:

Maja ist eine nicht-binäre Person, eine antifaschistische Aktivist*in, die seit einem Jahr in Ungarn inhaftiert ist.

Maja wird beschuldigt, eine Demonstration angegriffen zu haben, an der jedes Jahr Tausende von Nazis in Budapest teilnehmen. Maja wurde in Deutschland festgenommen und illegal nach Ungarn ausgeliefert, wo Maja seit einem Jahr unter schrecklichen Bedingungen in Einzelhaft gehalten wird. Anfang Juni trat Maja in den Hungerstreik, um Maja‘s Überstellung nach Deutschland zu fordern, um Maja‘s Isolationshaft zu durchbrechen. Nach 40 Tagen, als sich Majas Gesundheitszustand gefährlich verschlechterte und die Herzfrequenz auf 30 Schläge pro Minute sank, beendete Maja den Hungerstreik mit den Worten:

“Danke an alle, die das Wort ergriffen haben, die an unserer Seite stehen, an alle, die mutig hier geblieben sind, an alle, die die Notwendigkeit des Antifaschismus unterstützen, an alle, die unterstützen, die sich Tag und Nacht aufopfern, die geben und die Massstäbe setzen. Diese Vielfalt steht sowohl für Widerstand als auch für Utopie”.

Dieser Hungerstreik ist ein extrem starker Akt des Widerstands, der zu einer grossen Kampagne mit sehr vielen Solidaritätsaktionen geführt hat. Majas Vater übernahm den Widerstand seines Kindes, indem er einen langen Hungermarsch von Dresden nach Budapest unternahm. Der Druck zwang den deutschen Aussenminister dazu, einen Besuch in Ungarn anzukündigen, um über Majas Fall zu sprechen.

In einer Welt, in der Faschisten versuchen, die Rechte von queeren Menschen zu zerstören und sie an ihrer Existenz zu hindern, hat Maja die Aktion gewählt, um sie daran zu hindern, durchzukommen. Heute ist Antifaschismus für die queere Gemeinschaft eine Frage der Selbstverteidigung!

Maja – in einem Land inhaftiert, das die LGBTQI-Gemeinschaft kriminalisiert – steht stolz zur queeren Identität, auch wenn Maja dadurch noch mehr Gewalt ausgesetzt ist.

Senden wir eine Botschaft an die deutschen Bürokraten: Wenn sie eine Person mit den Farben des Regenbogens verletzen, werden wir gemeinsam reagieren! Es ist an der Zeit, überall weiter Druck zu machen. Es braucht den Kampf der Queer-Community in der Kampagne für Majas Freilassung.

Während 200.000 Menschen durch die Strassen von Budapest marschierten, um an einer nicht genehmigten Pride teilzunehmen, ist die Botschaft klar: Unser Stolz ist stärker als ihre Unterdrückung!

Wir lassen nicht locker

Freiheit für Maja

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Statement

Wenn die Polizei mordet – Gerechtigkeit für Camila

Am 1. Juli 2025 stirbt Camila, ein 14-jähriges Mädchen in Lausanne, nachdem die Polizei sie und einen weiteren Jugendlichen auf einem Motorroller verfolgt hatte.
Die Polizei spricht von einem „Kontrollversuch“ – doch was passiert ist, ist eine tödliche Eskalation staatlicher Gewalt. Ein junges Leben wurde ausgelöscht – weil sich zwei Jugendliche der Polizei nicht unterordnen wollten.

Camila hatte gerade ihr Schuljahr am Collège de Béthusy in Lausanne beendet und wollte den Beginn der Sommerferien feiern. Ihr Vater beschreibt sie als ein süsses und ruhiges Mädchen. Sie war Fussballspielerin beim FC Concordia, der auf seiner Facebook-Seite schrieb: “Camila, dein Lächeln, deine Freundlichkeit, deine Energie und deine Leidenschaft für das Spiel haben jedes deiner Trainings und jedes deiner Spiele erhellt. Du warst mehr als eine Spielerin: Du warst eine Freundin, eine Teamkollegin, ein Stern unter uns.”

Polizeigewalt ist kein Fehler im System. Sie ist Teil davon.


Immer wieder sehen wir, wie Polizei mit brutaler Konsequenz agiert, wenn Menschen sich ihrer Kontrolle entziehen wollen. Wer flieht, wird gejagt. Wer sich nicht unterordnet, wird dazu gezwungen. Auch wenn es Kinder sind. Auch wenn es tödlich endet.
Diese Form der Machtdemonstration ist kein „Einzelfall“, sondern Ausdruck eines Gewaltapparats, der gelernt hat, dass er mit allem davonkommt.

Polizeiliche Gewalt funktioniert nach patriarchaler Logik.


Wie patriarchale Täter in Beziehungen versuchen, Kontrolle mit Gewalt durchzusetzen, handelt auch die Polizei: Sie will Gehorsam. Sie will Unterwerfung. Und sie nutzt Angst, Einschüchterung und Strafe als Mittel, um diese Ordnung aufrechtzuerhalten.
Polizeigewalt ist keine neutrale Gewalt. Sie richtet sich systematisch gegen bestimmte Menschen: Jugendliche, von Rassismus betroffene Menschen, Migrant*innen, arme Menschen – und immer wieder gegen Frauen, Mädchen und genderqueere Personen.

Straflosigkeit sichert die Machtverhältnisse.


Wenn Männer Frauen töten, werden sie oft durch Justiz, Medien und Gesellschaft relativiert.
Wenn die Polizei tötet, passiert dasselbe. Der Staat schützt seine Täter.
So bleibt Gewalt möglich – und normal. Was wir erleben, ist keine Ausnahme, sondern die Folge einer systematisch organisierten Straflosigkeit.

Diese Gewalt geschieht nicht aus Versehen. Sie ist Konsequenz einer autoritären, patriarchalen Ordnung, die Kontrolle wichtiger findet als Leben.
 2018 tötete die Polizei Mike Ben Peter in Lausanne. Derselbe Polizist, der 2018 an diesem Einsatz beteiligt war, jagte nun ein 14-jähriges Mädchen durch die Strassen und nahm ihren Tod in Kauf. Vom Gericht wurden die Beamten, die bei der Tötung von Mike Ben Peter beteiligt waren, damals freigesprochen. Am 25. Mai wurde Michael Kenechukwu Ekemezie, ein junger Nigerianer, von der Lausanner Polizei während einer Festnahme getötet. Am 19. März 2021 wurde Evangelista Mañón Moreno (Eli) von ihrem Lebensgefährten, der ebenfalls Polizist bei der Polizei in Lausanne war, ermordet. Er tötete Eli mit seiner Dienstwaffe.

Polizeigewalt und patriarchale Gewalt sind nicht getrennt – sie sind strukturell verbunden.


Beide funktionieren durch Kontrolle, Einschüchterung, Angst. Beide werden selten konsequent verfolgt. Beide töten.
Wenn wir über Feminizide sprechen, müssen wir auch über die Polizei sprechen.
Denn ein System, das Täter schützt, ist nicht reformierbar. Es muss bekämpft werden.

Wir wünschen allen Menschen, die Camila trauern, viel Kraft!

Für Camila. Für alle, die durch Polizei und Patriarchat ihr Leben verloren haben.

Wir vergessen nicht. Wir vergeben nicht. Wir kämpfen weiter.

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Statement

Feminizidversuche

Seit dem 5. Juli zählt die Schweiz bereits 19 Feminizide seit Jahresbeginn 2025 – ein Mord alle zehn Tage. Und diese erschütternde Zahl zeigt nur einen Bruchteil der Gewalt.
Anfang Juli berichteten die deutschsprachigen Medien über zwei versuchte Feminizide:
Am 1. Juli wurde in Brittnau (AG) eine 47-jährige Frau beim Spazierengehen von ihrem Ex-Partner mit einem Messer angegriffen. In der darauffolgenden Nacht wurde in Oberägeri (ZG) eine 43-jährige Frau von ihrem Ehemann in der gemeinsamen Wohnung schwer verletzt – vor den Augen ihres Kindes.
Wir sind in Gedanken bei den überlebenden Frauen. Wir senden ihnen unsere Solidarität und unsere Unterstützung.
Patriarchale Gewalt ist kein tragischer Einzelfall. Sie ist eine strukturelle Realität, tief verwurzelt in unserer Gesellschaft – sie tötet und zerstört Leben, Woche für Woche. Sie ist nicht unsichtbar: sie ist bekannt, angeprangert, dokumentiert.
Fachpersonen und engagierte Organisationen schlagen seit Jahren Alarm. Doch es fehlt massiv an Ressourcen, um auf die Notlage zu reagieren: Es gibt zu wenig Schutzplätze, Beratungsstellen sind überlastet, viele Betroffene bleiben allein – Prävention ist kaum vorhanden. Die Schweiz verfügt über viermal weniger Schutzplätze als das von der Istanbul-Konvention empfohlene Minimum.
Wir wollen diese Gewalt nicht normalisieren. Wir weigern uns, wegzuschauen.
Es ist Zeit zu handeln – gemeinsam. Zuhören. Unterstützen. Schützen. Und konkrete Mittel einfordern, damit es nie wieder zu Feminiziden oder versuchten Feminiziden kommt.

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Feminizid

19. Feminizid in der Schweiz im Jahr 2025

Am 5. Juli wurden eine Frau und ihr Baby in Givisiez (FR) erstochen. Sie wurde 30 Jahre alt und das Baby sechs Wochen.

Die beiden wurden am späten Nachmittag tot in ihrer Wohnung gefunden. Der Täter befand sich noch vor Ort und wurde festgenommen. Wir sind unendlich traurig und wütend und drücken den Menschen, die der Getöteten und ihrem Kind nahestanden unser tiefstes Beileid aus.

Einmal mehr sprechen die Polizei und Medien von einem „Familiendrama“. Wie lange müssen wir noch betonen, dass genau solche Bezeichnungen Teil des Problems sind und dazu führen, dass diese unerträgliche Gewalt andauert? Indem patriarchale Gewalt als „häusliche“ oder „familiäre“ Gewalt bezeichnet wird, wird angedeutet, dass sie sei etwas Privates und habe nichts mit der Gesellschaft zu tun. Dabei erklärt nur die patriarchale Vorstellung vom „Oberhaupt“ der Familie, das alle Macht über die anderen Familienmitglieder hat, wie ein Mann auf die Idee kommen kann, zwei Leben brutal auszulöschen – darunter dasjenige eines sechswöchigen Babys!

Was in Givisiez passiert ist, war kein „Familiendrama“. Es war das vorhersehbare und verhinderbare Resultat von patriarchaler Gewalt. «Kein Verbrechen fordert so viele Todesopfer wie Gewalt gegen Frauen», hat Bundesrat Beat Jans letzte Woche in einem Interview gesagt. Seit Anfang Jahr häufen sich die Ankündigungen der Kantone, sie würden «Massnahmen» ergreifen.

Wir fordern einmal mehr, dass sofort genügend Plätze in Schutzhäusern geschaffen und niederschwellige Unterstützungsangebote grossflächig angeboten werden müssen. Menschen, die patriarchale Gewalt erleben oder sich bei einer Trennung vor solcher Gewalt fürchten, müssen einfach und unbürokratisch Hilfe suchen können. Besonders wichtig ist auch finanzielle Unterstützung, weil viele Personen aus wirtschaftlicher Abhängigkeit in einer gewaltvollen Situation ausharren.

Daneben sind wir als Gesellschaft gefordert. Letzte Woche konnten sich zwei Frauen in Brittnau und in Oberägeri vor einem Feminizid retten, auch dadurch, dass Umstehende hingeschaut und eingegriffen haben. Die Politik kann und muss uns zwar die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen – für einen gesellschaftlichen Wandel müssen aber wir alle sorgen. Gemeinsam und solidarisch entwurzeln wir das Patriarchat und sorgen dafür, dass es keine weiteren Opfer mehr fordert!!