Inspiriert von Laura Leupi’s „Das Alphabet der sexualisierten Gewalt“ starteten wir am 31. Oktober 2025 unser ABC gegen Feminizide. 26 Tage, 26 Begriffe bis zum 25. November, dem internationalen Tag gegen patriarchale Gewalt. Vernetzung bedeutet Selbstverteidigung, deshalb organisieren mehrere feministische Kollektive das ABC gegen Feminizide gemeinsam.
Kollektiv benennen wir Strukturen, die töten und Kämpfe, die Leben schützen.
A wie autodefensa feminista
La autodefensa feminista es una respuesta colectiva y radical frente al patriarcado. Es resistencia y empoderamiento ante un sistema racista, capitalista y patriarcal que prepetúa feminicidios y violencias con la complicidad del Estado. Es una práctica política y revolucionaria que nos une, nos protege, nos da fuerza y nos enseña a reconcer, enfrentar y erradicar la violencia machista. Juntas derrumbando el patriarcado!
B wie Berichterstattung
Feminizide werden in den Medien selten als diese benannt. Oft wird von
„Familiendramen“ oder „Liebesdramen“ berichtet. Damit wird diese Gewalt unsichtbar gemacht und in die private Sphäre gedrängt. Wir wissen aber, dass diese Gewalt nicht privat ist und Struktur hat. Zudem klagen wir die Medien für ihre oft sexistische und rassistische Berichterstattung an. Wir setzten uns ein für ein Hinschauen, Benennen und das Beenden patriarchaler Gewalt.
C wie Carearbeit
Care-Arbeit ist eine lebens- und gesellschaftserhaltende Arbeit, die sich an grundlegenden menschlichen Bedürfnissen orientiert. Sie ist zentral für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Viele FLINTAs leisten diese Care-Arbeit, die meist unter- oder gar nicht bezahlt wird. Das müssen wir als eine systematische Ausbeutung von FLINTAs und ihrer Arbeitskraft in einer kapitalistischen Logik verstehen. Deshalb fordern wir: Die Anerkennung und gerechte Entlöhnung von Care-Arbeit!
D wie Dunkelziffer
Dunkelziffer beschreibt eine Zahl, die wir nur erahnen können. Es gibt in der Schweiz keine offizielle Statistik zu Feminiziden. Auch wissen wir nicht, ob wirklich alle Fälle versuchter Feminizide, Vergewaltigungen oder häuslicher Gewalt erfasst werden. Es ist anzunehmen, dass die Dunkelziffer an geschlechtsspezifischer, patriarchaler Gewalt wohl um sehr vieles grösser ist, als es die öffentlichen Statistiken abbilden. Was nicht gezählt wird, existiert nicht. Wir fordern, dass hingeschaut wird
E wie Eisberg
Feminizide sind die sichtbare Spitze des Eisbergs der patriarchalen Gewalt. Doch was darunter liegt, bleibt meist unsichtbar. Es fängt an mit sexistischen Witzen, Sexualisierung von FLINTAs bis zu Besitzansprüchen und
Vergewaltigungen.
Jede Belästigung, jedes Wegschauen, jede verschlossene Tür, jedes «es ist Privatsache» trägt dazu bei, dass der Eisberg wächst.
Der Eisberg bricht nicht von selbst. Wir müssen ihn kollektiv zerschlagen, Schicht für Schicht.
F wie Feminizid
Die unterschiedlichen Begriffe „Femizid“ und
„Feminizid“ führen oft zu Verwirrung. „Femizid“ beschreibt die tödliche Gewalt gegen Frauen auf Grund ihres Geschlechts. Oft sind die Täter Männer aus dem nahen Umfeld der ermordeten FLINTAs. Wir nutzen in unseren Beiträgen immer den Begriff „Feminizid“. Mit dem zusätzlichen „ni“ wird die Mitverantwortlichkeit des Staates ausgedrückt, welcher aktiv an der Reproduktion patriarchaler Strukturen und Gewalt beteiligt ist. Wir können uns nicht auf Staat, Justiz und Bullen verlassen!
G wie Gewalt
Geschlechtsspezifische Gewalt bezeichnet jede Form von Gewalt, die sich gegen eine Person aufgrund ihres (zugeschriebenen) Geschlechts und/oder Geschlechtsidentität richtet. Sie umfasst psychische, sexualisierte, körperliche und ökonomische Gewalt und dient der Aufrechterhaltung patriarchaler Machtstrukturen. Besonders häufig betroffen sind FLINTA-Personen, wobei geschlechtsspezifische Gewalt in ihrer gravierendsten Form zu einem Feminizid führen kann.
H wie hässig
Wir sind hässig. Hässig auf die Gewalt, die uns im Namen des Patriarchats immer wieder Menschen nimmt. Viel zu lange wurde weibliche Wut als hysterisch oder übertrieben abgetan und nicht ernst genommen. Aber wütend sein ist ein Weg, aus der Hilflosigkeit und Gelähmtheit der Trauer hinauszufinden. In der Wut finden wir Kraft für den Widerstand, unsere Wut ist solidarisch und queerfeministisch, unsere Wut ist ein zielgerichteter Antrieb. Wir sind hässig, bis sich endlich etwas andert!
I wie Infantizid
Infantizid ist der vorsätzliche Mord an einem Kind. Durch das patriarchale System sterben Kinder häufig anstelle von FLINTA Personen oder gemeinsam mit ihnen. Infantizide finden, wie Feminizide, oft im häuslichen Umfeld statt, wo Kinder Zeug*innen von Gewalt werden oder dieser selbst ausgesetzt sind. Diese Gewalt ist systematisch und hat ihren Ursprung in patriarchalen Strukturen wie Besitzansprüchen und Machtgefallen.
J wie Jin, Jiyan, Azadî
Die Parole „Jin, Jiyan, Azadî“ steht für „Frau, Leben, Freiheit“ und ist durch die kurdische Bewegung und die Proteste rund um die Ermordung der kurdischen Iranerin Jina Amini im September 2022 um die Welt gegangen. „Jin, Jiyan, Azadî“ steht für eine feministische und internationalistische Perspektive. Denn es ist wichtig, dass wir uns als Teil einer grossen Bewegung verstehen und unsere Kämpfe Seite an Seite führen.
Egal ob in Rojava, Palästina oder der Schweiz. Wir sind erst frei, wenn alle frei sind.
K wie Kämpfen
Queerfeministische Kämpfe haben viele Formen.
Vom anstrengenden Alltag, in welchem wir uns nach wie vor gegen Mansplaining und Macker im Büro oder der Schule durchsetzen müssen, über die Ohrfeige im Club bei sexueller Belästigung, bis zum Kampf auf der Strasse am 8. März oder
25. November. Diese Kämpfe sind anstrengend, doch sie lohnen sich. Es geht um nichts weniger als unsere Selbstbestimmung und unsere Leben. Wir müssen erkennen, dass unser Kampf gegen das Patriarchat starker ist, wenn wir uns zusammentun. Deshalb: Kämpfe verbinden, Systeme überwinden!
L wie Leben
„Wir wollen uns lebend“ ist die Forderung, welche sich gegen die brutalste Form der patriarchalen Gewalt richtet: die Ermordung von Frauen und feminisierten Personen genannt Feminizid. Wir wollen uns lebend, ist übersetzt aus dem Spanischen: Vivas nos queremos. Wir wollen uns lebend, ist die direkte Forderung, dass die Tötung von Frauen und feminisierten Personen aufhören muss. Denn im Jahr 2025 wurden in der Schweiz nach unserem Wissensstand 28 Frauen ermordet, und jede ist eine zu viel. Wir wollen nicht, dass eine weitere Frau oder feminisierte Person sterben muss und nichts dagegen unternommen wird. WIR WOLLEN UNS LEBEND!
M wie Macht
Macht hat viele Gesichter. Oft liegt sie vermeintlich in den Händen der Stärkeren.
Sie nutzen ihre Privilegien aus, um Schwächere zu unterdrücken. Unterdrückung ist Machtmissbrauch. Patriarchale Strukturen lassen Männer meinen, die Macht über unsere Körper und unsere Leben zu haben.
Wir zeigen ihnen, dass das nicht stimmt. Wir FLINTA’s finden unsere Macht im Kollektiv.
Wir organisieren uns, verteidigen uns und schauen aufeinander. Wir sind solidarisch.
Widerstand kommt von unten. Das ist Gegenmacht.
N wie Ni Una Menos
„Ni Una Menos“ ist eine feministische Bewegung, welche 2015 in Argentinien entstand und bedeutet: „Nicht eine weniger.“ Auslöser waren die massenhaften Feminizide, die das Land erschütterten. Morde an Frauen, Mädchen und feminisierten Menschen, begangen aus sexistischen Motiven.
Wir sind Teil einer internationalistischen feministischen Bewegung gegen patriarchale Gewalt. Es ist unser kollektiver Aufschrei gegen Feminizide.
NI UNA MENOS!
VIVAS NOS QUEREMOS!
O wie Organisieren
Organisieren bedeutet für uns, Bewegung, Vernetzung und Aktivismus zusammenzubringen. Diese drei Elemente verbinden wir in unserer Praxis als Kollektiv.
Wir organisieren unsere Wut gegen patriarchale Gewalt und nehmen uns die Strassen, um mit einem Schrei gegen Feminizide das Schweigen zu brechen. Dafür vernetzen wir uns, organisieren Kundgebungen und bringen den Kampf gegen Feminizide auf die gesellschaftliche Agenda und in die Bewegung. Wir organisieren uns weiter bis zu einer feministischen Zukunft ohne Feminizide!
P wie Patriarchat
Das Patriarchat ist eine Herrschaftsform, die darauf abzielt, weibliche und genderqueere Personen zu unterdrücken und die männlichen Normen, Werte und Verhaltensmuster zu sichern. Patriarchale Strukturen sind überall in unserem System wiederzufinden und eng mit Kapitalismus und Krieg verflochten.
Patriarchale Gewalt zeigt sich vielfältig, wobei der Feminizid die extremste Gewaltform des Patriarchats darstellt. Wir fordern, die Machtstrukturen zu beseitigen. Widerstand ist international – Patriarchat tötet überall!
Q wie Queerfeministisch
Gegen Feminzide kämpfen, heisst queerfeministisch sein. Von patriarchaler Gewalt sind auch alle betroffen, die dem binären und heteronormativen Geschlechtersystem nicht entsprechen.
Queerfeminist*innen kämpfen für eine Zukunft, in der die Vielfalt von Geschlechtern und Sexualitäten sicher und selbstbestimmt gelebt werden kann. Ziel ist, dass jede*r unabhängig vom Geschlecht oder der sexuellen Orientierung frei von Gewalt und Diskriminierung leben kann.
R wie Revolution
Revolution ist radikal.
Revolution ist Umsturz und Erneuerung der bestehenden unterdrückenden Verhältnissen.
Ein Einreissen der patriarchalen und kapitalistischen Strukturen, die Ausbeutung, Rassismus und Faschismus den Weg ebnen.
Ein Kampf von unten nach oben gegen die herrschende Klasse.
Ein Kampf getragen von uns, für uns, gemeinsam. Zäme hebe, zäme stah!
Für eine feministische Revolution.
Für ein Leben in Würde, Sicherheit und Freiheit für alle – Ni Una Menos.
S wie Solidarität
Solidaritat heisst Widerstand. Sie ist eine Form des Organisierens, die darauf basiert, sich gegenseitig zu verbünden. Solidaritat ist auch aus einer intersektionalen feministischen Perspektive wichtig, denn Feminismus bezieht sich nicht nur auf eine Diskriminierungsform, sondern auf eine Überschneidung verschiedener Diskriminierungen. Deshalb ist es wichtig, dass wir FLINTA Personen uns untereinander solidarisieren, um Kraft für den gemeinsamen Kampf gegen Unterdrückung zu schöpfen.
T wie Transizid
Transizide sind Morde an trans und genderqueeren Menschen. Sie sind Ausdruck patriarchalen Hasses gegen alle, die Geschlechternormen brechen, in einem System, das Leben hierarchisiert. Diese Gewalt ist systematisch, sie tötet im Schatten und wird verschwiegen. Transizide sind der Versuch, Freiheit zu vernichten. Doch die Getöteten leben in uns weiter – in jeder Stimme, die sich erhebt, in jedem Körper, der sich weigert, still oder unterworfen zu sein.
U wie Utopie
Gewalt zu stoppen, erfordert, dass wir kollektive Strukturen aufbauen, die auf gegenseitiger Sorge, Unterstützung und Solidarität basieren. Überall kämpfen queerfeministische
Widerstandsbewegungen bereits heute dafür, dass eine herrschaftsfreie Welt keine Utopie mehr darstellen muss. Wir kampfen für Fürsorge, Zärtlichkeit, Freiheit, und für Gerechtigkeit. Schliesse dich diesem Kampf an!
V wie versuchter Feminizid
Es fehlt massiv an Ressourcen, um auf häusliche Gewalt und versuchte Feminizide zu reagieren: Es gibt zu wenig Schutzplätze, Beratungsstellen sind überlastet, viele Betroffene bleiben allein – Prävention ist kaum vorhanden. Die Schweiz verfügt über viermal weniger Schutzplätze als das von der Istanbul-Konvention empfohlene Minimum. Es ist Zeit zu handeln – gemeinsam. Zuhören.
Unterstützen. Schützen. Und konkrete Mittel einfordern, damit es nie wieder zu Feminiziden oder versuchten Feminiziden kommt.
W wie Wut
Wut ist die Antwort auf patriarchale Gewalt. Unsere kollektive Wut kommt aus Schmerz, aus Trauer und aus Liebe zu den Ermordeten. In patriarchalen Strukturen wird weibliche und queere Wut entwertet, pathologisiert und kriminalisiert. Wut ist eine Erinnerung daran, was uns genommen wurde. Sie ist eine politische Kraft und durchbricht die Angst. Aus Wut wächst Widerstand.
X wie Xenophobie
Xenophobie oder Fremdenhass beschreibt die ablehnende Haltung gegenüber Menschen, die als «fremd» eingestuft werden. Diese Kategorisierung basiert auf rassistischen Strukturen und aussert sich unter anderem in Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt. Für betroffene FLINTAs ist das Risiko, patriarchale Gewalt zu erleben besonders hoch. Der feministische Kampf muss somit auch ein Kampf gegen Rassismus sein, denn patriarchale und rassistische Strukturen hängen stark zusammen und verstärken sich gegenseitig.
Y wie Yes means Yes
«Nur Ja heisst Ja» ist die Forderung, dass sexuelle Handlungen nur dann erlaubt sind, wenn alle beteiligten Personen ausdrücklich und frei zustimmen.
Unsicherheiten, Schweigen oder keinen Widerstand leisten sind keine Zustimmung.
Es gibt natürliche Schutzmechanismen wie eine instinktive Schockstarre, bei der die betroffene Person körperlich gelähmt ist.
Wir fordern, dass sexuelle Gewalt klar benennt, wird: Ohne ein eindeutiges «Ja,» ist es ein «Nein»
Z wie Zählen
Warum zählen wir?
Weil das Zählen immer mit einer Frage beginnt:
Wie viele Frauen bisher, und wie viele Frauen noch?
Feminizide zu zählen, ist eine Form der kollektiven Wissensproduktion.
Feminizide zu zählen, ist eine Form des gemeinsamen Erinnerns und Trauerns.
Feminizide zu zählen, ist eine Form des feministischen Widerstands.
Wir zählen, um Feminizide als systemisches Problem sichtbar zu machen und zu bekämpfen.
Wir zählen, weil es sonst niemand tut.
Wir zählen, weil unsere Leben zählen.
